„Wir gehen diesen Weg gemeinsam mit Ihnen.“ Dieses tiefe Versprechen bildet das Fundament des Demenzzentrums „Gemeinsam gehen Begleitung & Betreuung GmbH“ in Bonn-Beuel. Es ist ein Leitgedanke, der auch die Arbeit der erfahrenen Klinikclowns der Stiftung HUMOR HILFT HEILEN (HHH) antreibt und begeistert. Denn wer Menschen mit einer demenziellen Veränderung begleitet, weiß genau: Es gelingt nur Hand in Hand.
Feinfühlige Begegnungen im Hier und Jetzt: Herr Baum und Flü im Einsatz
Einmal pro Monat besuchen Georg Brinkmann und sein Klinikclown-Spielpartner Dominik Merscheid die Beueler Tagespflege-Einrichtung, die Gruppen von Menschen von jung bis alt zählt. Wenn sie sich in ihre Alter Egos Herr Baum und Flü verwandeln, gibt es kein einstudiertes Programm. Die beiden professionellen Klinikclowns gehen feinfühlig auf jeden Gast individuell ein, holen sie genau dort ab, wo sie sich emotional und geistig im Moment befinden und schaffen Verbindungen zwischen den Gästen.
Vor jedem Zusammentreffen gilt es innezuhalten: Was ist gerade das Thema im Raum? In welcher emotionalen Welt befindet sich der Mensch im Moment? Welche Bedürfnisse stehen aktuell im Vordergrund? Gerade bei einer Demenzerkrankung können sich die Gemütszustände und Bedarfe schnell verändern. Flexibilität und absolute Präsenz im Augenblick sind daher das wichtigste Werkzeug der Clowns. Und dies beherrschen sie.
Aktivieren des Langzeitgedächtnisses
Rund 20 Männer und Frauen sind schon in freudiger Erwartung der bereits angekündigten Klinikclowns. Oh, der Clown ist da.. und noch einer! Mit Handtasche in fröhlichem rot mit großen weißen Punkten. Und was für schöne Socken er hat. Und das Akkordeon erst – wie schön es aussieht und oh, jetzt geht es erst richtig los. Mit clownesken Gesten nähert sich das Klinikclown-Duo der Gruppe an. Und dann: Flü stimmt an, Herr Baum steigt ein: Rauf und runter werden kölsche Traditionslieder gesungen, dazu wird geschunkelt, wer möchte kann auch tanzen, es wird gesungen oder auf der Tischplatte mitgeklopft. Die beiden Klinikclowns ziehen in einer Mini-Polonaise, die Arme schwenkend, durch den großen hellen und schön dekorierten Saal und trällern „Mer losse den Dom in Kölle“. „Das habe ich ja ewig nicht gehört“, freut sich eine Dame – ein Herr ergänzt: „Allererste Sahne!“ Und schon ist man beim nächsten Song: „Aber bitte mit Sahne!“
Es kommen neue Liedvorschläge von den Senioren und Seniorinnen. Von „Tulpen aus Amsterdam“ über „Dat Wasser vun Kölle“, „Drink doch eine mit“ bis hin zu „Heidewitzka, Herr Kapitän“ und „Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen“. Spätestens hier sind fast alle Anwesenden mit eingestimmt. Die Stimmung ist leicht und die Freude unter- und miteinander ist groß. Die Augen leuchten, ein Funkeln und Schmunzeln auf den Lippen. Es scheint, als würden alte Erinnerungen und Gefühle an frühere Zeiten aufflammen. „Wenn Ihr Nachhilfe in Plattdeutsch braucht, dann kommt zu mir“, ruft einer der Bewohner, „denn ich bin plattdeutsch aufgewachsen“. Schon ist eine Verbindung hergestellt.
„Der Besuch der Klinikclowns kommt sehr gut an“, weiß Guido Wallbrück, Pflegefachkraft im Demenzzentrum Bonn-Beuel. „Die Senioren und Seniorinnen werden herausgefordert und ihr Langzeitgedächtnis wird aktiviert, sie leben nochmal so richtig auf.“ Die Klinikclown-Profis aktivieren durch Klopfen, Laute, Nachahmungen, Gesang, Musik, sie greifen Stimmungen und Mimik auf. Eine Einparkszene wird simuliert und die Clowns üben ein Echo ein – „mucksmäuschenstill“ ist es plötzlich. Die Senioren und Seniorinnen lauschen und warten gespannt, was nun passiert. Und dann geht es auch schon wieder los und das Clownsduo hat eine neue Idee: Krümel von einem Hundeplätzchen, die noch auf dem Boden liegen, animieren zu der Geschichte von „Hänsel und Gretel“.
In einer anderen Gruppe, in der die Seniorinnen und Senioren im Kreis zusammensitzen ist das Thema „Versteigerung“. Versteigert werden wahlweise „Nimm 2-Bonbons“ oder „Schoko-Küsschen“ – wer bietet mehr? Wer will noch, wer hat noch nicht? Oha, ein Pups – „nicht reinkommen, hier hat einer gepupst“. „Mit dem Pups verdienen wir aber Geld“, stellt einer der Bewohner fest und reicht seinen Hut in die Runde. Weiter geht es mit einem Puppenspiel und dann Gesang: „Rote Lippen soll man küssen..“ und „Ein Freund, ein guter Freund…!“
Potenziale wecken statt Defizite betonen
Der Besuch der Klinikclowns ergänzt das erklärte Ziel der Einrichtung, die rund 80 Tagesgäste pro Woche zählt, optimal. Auf ihrer Website betont das Demenzzentrum: „Mit unserem Demenzzentrum in Bonn-Beuel haben wir uns das Ziel gesetzt, betroffenen Menschen mit Demenz und deren Angehörigen das Leben zu erleichtern, und es lebenswerter zu gestalten.“ Genau hier setzt die humorvolle Begleitung an. Es geht den Klinikclowns ausdrücklich nicht darum, Defizite auszugleichen oder gar sichtbar zu machen. Vielmehr lenken sie das Rampenlicht auf die Ressourcen: Was ist noch da? Welche Freude, welche Erinnerung oder Geste lässt sich gerade hervorlocken? Passend zum Leitbild der Einrichtung – „Niemand bleibt alleine – Wir begleiten Sie!“ – schaffen die Clowns Momente der Verbundenheit, der Würde und der gelebten Identität.
Eine Stütze für die gesamte Familie
Die Leichtigkeit, die Herr Baum und Flü in den Pflegealltag bringen, strahlt weit über die Tagespflege hinaus. Die Einsätze sind gleichzeitig eine essenzielle Unterstützung für die Angehörigen.
Wie dieser Brückenschlag im Alltag gelingt, vermittelt Georg Brinkmann im Auftrag von HUMOR HILFT HEILEN zudem in einer praxisnahen Workshopreihe „Demenz-Impro“ in Bonn gemeinsam mit den Kontaktbüros der Pflegeselbsthilfe Bonn/Rhein-Sieg – und ab dem nächsten Jahr ist eine weitere Reihe gemeinsam mit der VHS Bonn in Planung. Dort teilt der erfahrene Klinikclown wertvolle Impulse zum spielerischen Umgang mit Demenz: Wie pflegende Angehörige leichter und empathischer in den Austausch mit Demenzbetroffenen treten und dadurch auch die eigene Resilienz stärken können. Es geht darum, Strategien zu erlernen, um in dieser oft kraftzehrenden Lebensphase die eigene psychische Gesundheit im Blick zu behalten. Das übergeordnete Ziel bleibt dabei immer gleich: Menschen mit Demenz ein würdevolles Leben zu ermöglichen und ihre Selbstbestimmtheit so weit wie möglich zu bewahren. Damit auch die Pflegefachpersonen der Tagespflege-Einrichtung ihre eigenen Ressourcen im Blick behalten, wurden auch diese in einem Teamworkshop bereits geschult. Das Projekt in Beuel ist in diesem Jahr als Pilotprojekt gestartet. Finanziert wird es über den Arbeitskreis Demenz, die Alzheimer Gesellschaft und Projektmittel, die der Verband der Ersatzkassen zur Verfügung stellt.
„Wir sind sehr glücklich über die Zusammenarbeit mit den Klinikclowns! Sie machen unseren ohnehin bunten gemeinsamen Tagestreff-Alltag noch ein Stückchen bunter! Danke dafür !!!“, sagt Barbara Krause, Geschäftsführerin von „Gemeinsam gehen Begleitung & Betreuung GmbH“ in Bonn-Beuel.
„Die Clowns bringen Leichtigkeit in den Alltag unserer dementen Senioren. Sie wecken mit Humor und ganz oft ohne Sprache die Lebensfreude bei den Gästen. Bei den Besuchen rückt die Demenz in den Hintergrund“, freut sich Kerstin Linden-Brecht von „Gemeinsam gehen Begleitung & Betreuung GmbH“
„Tschüss, bis bald!“ – zum Abschied stimmen Flü und Herr Baum an: „Und wenn dat Trömmelche geht, …“. „Das war ein Verwöhnprogramm heute“, stellt ein Gast fest und winkt den beiden Clowns zum Abschied zu.
Die Besuche der Klinikclowns bezahlt nicht die Pflegekasse. 😉 Damit wir die Fortführung der Klinikclown-Besuche sichern können, können Sie auf der Plattform der Sparkasse KölnBonn „Hier mit Herz“ direkt für dieses wunderbare Projekt spenden: www.hiermitherz.de/project/klinikclown-visiten-im-demenzzentrum-beuel/